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Hildisrieden

Ein Garten mit Zukunft

Ramon Wolf 24. September 2026

Vor 20 Jahren wurde Erich Hausheer in der Kirche St. Anton in Luzern zum ständigen Diakon geweiht. Seither hat er unzählige Menschen auf ihren Schritten durchs Leben begleitet – von den ersten bis zu den letzten. Im Gespräch blickt er zurück auf seine Anfänge, erzählt davon, was ein Diakonat für das Familienleben bedeutet und was die Kirche der Zukunft mit einem Garten zu tun hat.

Vor 20 Jahren wurde Erich Hausheer in der Kirche St. Anton in Luzern zum ständigen Diakon geweiht. Seither hat er unzählige Menschen auf ihren Schritten durchs Leben begleitet – von den ersten bis zu den letzten. Im Gespräch blickt er zurück auf seine Anfänge, erzählt davon, was ein Diakonat für das Familienleben bedeutet und was die Kirche der Zukunft mit einem Garten zu tun hat.

Erich Hausheer, heute vor 20 Jahren, am 24. September 2006, wurden Sie zum ständigen Diakon geweiht. Wie erinnern Sie sich an diesen würdevollen Moment?

Sehr gut, ich habe gerade erst wieder das Fotoalbum hervorgenommen. Wir waren damals drei, die gemeinsam den Weg zum ständigen Diakon gemacht haben. Das war eine sehr schöne, intensive Zeit. Wenn ich die Fotos aus dieser Zeit betrachte, denke ich oft, das sei erst gerade noch gewesen. Die beiden Hauptkriterien dafür: 30 Jahre alt und ‘gestanden in Beruf und Familie’. Für mich war aber von Anfang an zudem noch wichtig, dass das nicht einfach ein Job ist, den man um des Jobs willen macht. Man muss diese Arbeit und den Kontakt mit Menschen gerne haben – gerade, weil man als Pfarreileiter eigentlich nie ganz Feierabend hat, auch wenn man privat unterwegs ist. Diesen Hut trage ich immerzu. Das hat Vor- und Nachteile, dessen muss man sich bewusst sein.

Und jetzt, nach 20 Jahren im Amt und 18 Jahren in der Rainer Pfarrei, sowieso. Mittlerweile bin ich so in der Gemeinde verankert, da ist man über die Jahre zu einem beständigen Teil im Leben vieler geworden. Beispielsweise sehe ich nun jene, die ich einmal getauft habe, bei ihrer Hochzeit vor dem Altar wieder.

Für Sie hat Familie schon immer einen hohen Stellenwert. Wie hat Ihre Familie diesen untypischen Lebensweg als Diakon miterlebt?

Vor der Weihe zum Diakon hat mich der Bischof damals gefragt, warum ich mich nicht für die Priesterweihe entscheide. Für mich war immer klar: Das Familienleben geht vor. Und das ist nur als Diakon vereinbar. Also war es keine Entscheidung gegen das Priesteramt, sondern eine Entscheidung für die Familie.

Kurz vor meiner Diakon-Weihe wurde unsere zweite von drei Töchtern geboren. Es waren also alle drei schon in jungen Jahren quasi halböffentliche Personen – alle im Dorf kannten unsere Mädchen. Das war nicht immer einfach, aber sie haben gelernt, gut damit umzugehen. Auch als später die Pfarrei Hildisrieden dazukam, mussten sie einen Weg finden, damit umzugehen, dass man nun auch im Nachbardorf wusste, wer sie sind– das war für sie eine Umstellung. Ebenfalls etwas anders als in anderen Familien lief es aufgrund dessen, dass wir im Pfarrhaus wohnen. Zwar war ich, und bin noch immer, oft an Abenden oder Wochenenden im Einsatz, dafür war ich, zum Beispiel wenn die Kinder von der Schule kamen, nur eine Tür von unserem Wohnzimmer entfernt. Das bot Schwierigkeiten, aber auch Chancen.

Und ganz zentral war für mich immer: Ohne die Unterstützung meiner Frau könnte ich diese Arbeit gar nicht machen. Sie ist mir eine riesige Unterstützung. Diese Arbeit ist ein gemeinsamer Weg – wir halten uns gegenseitig den Rücken frei.

In 20 Jahren verändert sich viel. Was hat sich in dieser Zeit in Ihrem Arbeitsumfeld getan?

Meine Aufgaben und Schwerpunkte haben sich mehrfach verändert. Ich habe als Religionslehrer und Seelsorger angefangen, später die Pfarrei Rain übernommen. Im Sommer 2017 kam die Pfarrei Hildisrieden dazu. Grundsätzlich hat sich aber die Teilnahme am kirchlichen Leben verändert. Der Kirchenaustritt war vor 20 Jahren kaum ein Thema, heute ist er es immer wieder. Früher kannte ich noch fast alle Eltern persönlich, bevor sie mit ihrem Kind zur Taufe kamen. Heute begegne ich vielen erst beim Taufgespräch – vorher trifft man sich höchstens zufällig im Laden. Das macht die Arbeit in gewisser Weise anspruchsvoller.

Was hat sich für Sie persönlich als besonders wertvoll erwiesen?

Ich hatte mit meinen Mitarbeitenden fast ausschliesslich Glück – das sind für mich Geschenke. Mir ist wichtig, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu haben, keine «Knechte»: Menschen, denen ich vertraue und die selbstständig denken. Ich sage immer: «Sie machen die Dinge nicht immer, wie ich sie gemacht hätte, aber sie machen sie meistens besser.» Genau das macht die Arbeit auch spannend – eine Vielfalt an Ideen und Sichtweisen. Ich selbst mag das «am Bürotisch-Sitzen», all das Administrative, nicht so. Ich muss raus, zu den Leuten. Deshalb bin ich umso dankbarer dafür, dass ich all meine Mitarbeitenden um mich habe, die das super für mich machen.

Apropos Ideen: Wo finden Sie all die Ideen und passenden Worte für Feiern, die Sie begleiten?

Die sind überall zu finden. Manchmal kann ich Gedanken spannend weiterspinnen, manchmal fällt mir mitten in der Nacht etwas ein, manchmal hole ich bei Bekannten Inspiration – manchmal klappts, manchmal nicht. Ich habe da immer meine Augen und Ohren offen. In ganz vielen Fällen, beispielsweise Hochzeiten, kommt auch viel Input von aussen. Das sind die Feste der anderen, nicht meine. Deshalb sollen sie auch passend auf das Brautpaar zugeschnitten sein. Sie sollen nach der Trauung sagen können: «Das war ‘unsere’ Hochzeit!» Ich mache deshalb nie zwei Trauungen am selben Tag – ich könnte mich nicht an zwei Orten gleichzeitig einfühlen.

Ähnlich, aber etwas anders ist es bei Beerdigungen. Die gestalte ich besonders gerne. Das sind Momente, in denen wir als Kirche Menschen erreichen, die sonst nicht regelmässig da sind. Eine Beerdigung ist für mich nicht nur ein Abschied, sondern auch ein Rückblick auf ein Leben – und gleichzeitig ein Blick nach vorne, aus einer Haltung der Hoffnung heraus. Das ist das Zentrum unseres Glaubens. Und das gibt auch andere Anknüpfungspunkte.

Sie haben den Glauben nicht nur hier erlebt, sondern auch in der Welt. Unter anderem in Jerusalem. Was konnten Sie aus solchen Lebensabschnitten mitnehmen?

Die Zeit in Jerusalem war Teil meines Theologiestudiums, ein Jahr an einer anderen Universität. Vor Ort zu sein, verändert das Verständnis der biblischen Texte völlig – wenn ein Psalm etwa vom Hinaufschauen zum Berg spricht, versteht man das ganz anders, wenn man selbst als Pilger diesen Weg gegangen ist. Zudem haben wir Alt-Hebräisch gelernt, was mir aufgrund dessen Vieldeutigkeit zeigte, dass man sich nie nur auf ein einziges Wort oder eine einzelne Übersetzung verlassen darf, sondern verschiedene Übersetzungen und Kommentare vergleichen muss.

Auch heute schaue ich noch ab und zu auf Texte in ihrer Originalfassung und mache mir daher Gedanken. Aber da bin ich mittlerweile etwas eingerostet (lacht).

Wie blicken Sie auf die kommenden Jahre?

Meine Aufgabe finde ich nach wie vor sehr spannend und ich mache das immer noch gerne. Gleichzeitig sind wir als Kirche in einem grossen Umbruch – die Volkskirche stirbt nicht, wie man das schon prophezeit hat, als ich vor 40 Jahren studierte. Aber sie bröckelt und verändert sich. Im Pastoralraum sind praktisch alle Pfarreileitungen etwa gleich alt wie ich, also um die 60. Das heisst, es wird bald einen grossen Wechsel geben, und wir müssen uns fragen, wie es danach weitergeht, denn es gibt schlicht nicht mehr gleich viele Leute, die nachrücken wollen. Ich möchte nicht, dass wir gehen und die Pfarreien ihrem Schicksal überlassen. Sondern, dass wir eine Möglichkeit haben, zu sagen: «Ich kann gehen, und es geht weiter.» Das gilt auch allgemein für die Kirche und ihre Traditionen: Wir müssen zurückschauen, um zu verstehen. Aber leben und träumen müssen wir vorwärts, sonst bleiben wir stehen.

Haben Sie eine konkrete Vision dafür?

Ich stelle mir das gerne als Garten vor: Muss alles gleich aussehen, mit riesigen Beeten und Monokulturen? Oder bleibt es eine Mischkultur, bei der manches wächst und anderes bewusst zurückgenommen wird? Ich glaube, wir sind gefordert, den Mut zu haben, gewisse Dinge loszulassen und uns zu überlegen, wo wir unsere Energie einsetzen – und mit wem. Am Ende sind nicht nur wir als Angestellte der Pfarreien, sondern die ganze Gemeinschaft gefragt.

Was trägt Sie persönlich durch diese Zeit des Wandels?

Auch hier kommt wieder der Garten ins Spiel, denn dieser gibt mir viel Ruhe und Kraft. Im Garten verbringe ich gerne Zeit, um abzuschalten oder nachzudenken über alles, was mich so beschäftigt. Aber auch die Grundidee des Diakonen-Amts – im Auftrag der Kirche zwischen Gott und den Menschen zu stehen – gibt mir Halt. Mein Gottesbild hat sich über die Jahre etwas verändert: Ich glaube nicht, dass Gott einfach eingreift und alles gut macht. Oft sagen wir: «Es wird schon gut», aber das wird es eben nicht einfach so, ohne dass wir etwas tun. Aber wir dürfen immer darauf vertrauen, dass wir mit Gott nie allein sind. Es ist einer da, der mit uns geht – auch im Leid. Auch das gibt Kraft.

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