
Lesen sollte Freude machen
Foto Mohamed Marey/Unsplash
«Solltest du als Literaturstudentin nicht eigentlich andere Bücher lesen?», frage ich mich wieder einmal, während ich an der Kasse der Buchhandlung Schlange stehe. Vor mir steht ein älterer Herr mit einem Sachbuch und ein junger Mann mit der Penguin-Classics-Ausgabe von Frankenstein in der Hand. Mein Buch ist pink, hat zwei sich küssende Figuren auf dem Cover und als ob das nicht schon genug wäre, sind auch noch überall Herzen. Ich verspüre den akuten Drang, das Buch zurückzulegen oder mir noch ein Theaterstück von Shakespeare dazuzuholen, um nach aussen hin wenigstens halbwegs den Eindruck einer guten Literaturstudentin zu erwecken. Ich widerstehe dem Drang, eines dieser beiden Dinge zu tun, und werfe stattdessen einen prüfenden Blick nach links und rechts, um sicherzugehen, dass noch niemand das Buch in meiner Hand gesehen hat. Schnell drehe ich es um, sodass das Cover Richtung Boden zeigt – definitiv besser. Und trotzdem, das Gefühl, nach aussen hin als «Kitsch-Liebhaberin» und Leserin ohne literarischen Anspruch zu wirken, lässt mich nicht los. Seit ich mit meinem Studium begonnen habe, ist da die ganze Zeit diese «Akademikerstimme» in meinem Kopf, die mir vehement einredet, dass diese Bücher, die den Leser scheinbar weder emotional noch intellektuell fordern, eine Zeitverschwendung sind. Dabei sollte ich es eigentlich besser wissen, schliesslich waren es Bücher wie dieses, die mir den Weg in die Welt der Literatur geebnet und meine Liebe zum Lesen überhaupt erst geweckt haben.

Jana Vonmoos
So mit meinem Buchproblem beschäftigt, merke ich erst gar nicht, dass sich die Schlange vor mir bewegt hat. Erst als mich die Dame hinter mir antippt, merke ich, dass der ältere Herr bereits bezahlt und der junge Mann vor mir gerade sein Buch auf die Ladentheke gelegt hat. Dankend lächle ich ihr zu und trete zwei Schritte nach vorn. Ich sehe, wie ihr Blick an meinem Buch hängen bleibt, und merke, dass ich es schon wieder mit dem Cover nach oben halte. «Lesen Sie viel?», fragt sie. Immer noch etwas beschämt nicke ich nur. Spätestens jetzt erwarte ich einen Kommentar zum schlechten Buchgeschmack junger Leute, doch die Dame sagt nichts dergleichen. Sie lächelt mich nur weiter freundlich an und erklärt: «Es ist einfach so schön zu sehen, dass junge Menschen noch Bücher kaufen. Ich wünschte, meine beiden Enkel würden auch etwas mehr lesen, aber das Smartphone ist einfach viel interessanter.» Ich denke an meine Zeit als Lesemuffel zurück und muss schmunzeln. Wie oft haben meine Eltern und Lehrer zu mir genau das Gleiche gesagt, und jetzt stehe ich mit einem Buch an der Kasse und schäme mich ausgerechnet dafür. Dabei sollte Lesen doch Freude machen, gerade jetzt, wo es Bücher fast so schwer haben, Leser zu finden, wie die Figuren in meinem Liebesroman einen Partner.