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Der Tag, an dem Sempach wieder zur  Stadt wurde

Ramon Wolf 21. Januar 2026

Durch Gegebenheiten der Geschichte wurde die Stadt Sempach vor rund zwei Jahrhunderten zur Einwohnergemeinde umorganisiert. Das liess man allerdings nicht auf sich sitzen und 1986 forderte ein Komitee für Sempach das Stadtrecht zurück. An der Feierlichkeit von vergangener Woche wurde sich gemeinsam an den 1. Januar 1986 erinnert, an dem Sempach offiziell wieder zur Stadt proklamiert wurde.

Durch Gegebenheiten der Geschichte wurde die Stadt Sempach vor rund zwei Jahrhunderten zur Einwohnergemeinde umorganisiert. Das liess man allerdings nicht auf sich sitzen und 1986 forderte ein Komitee für Sempach das Stadtrecht zurück. An der Feierlichkeit von vergangener Woche wurde sich gemeinsam an den 1. Januar 1986 erinnert, an dem Sempach offiziell wieder zur Stadt proklamiert wurde.

Wenn in Sempach zwei Fanfarenbläser in gelb-roter Uniform zum Empfang blasen, geschieht das nicht ohne Grund. Und wenn gar die Sempacher Jubiläumsfanfare von 1986 erklingt, zeugt dies von einem hochfeierlichen Anlass. So wie am vergangenen Donnerstagabend, 15. Januar, in der Sempacher Tuchlaube, wo die Jubiläumsfanfare nicht passender hätte sein können. Zur Feier des 40. Jährens der Proklamation von Sempach als Stadt, am 1. Januar 1986, kamen ehemalige Offizielle und Mitwirkende der damaligen Festveranstaltung, Mitglieder des Museumsvereins sowie Gäste verschiedener Delegationen zusammen, um gemeinsam auf den geschichtsträchtigen Tag zurückzublicken. Den Tag, an dem die über die Jahre als Gemeinde geführte Stadt Sempach ihre Stadtrechte wieder zurückforderte.

Sich weiterentwickelt

Brigitte Hunger, Präsidentin der Stiftung Rathaus, und Hubert Lieb, Präsident des Museumsvereins zum Rathaus, hiessen die rund 90 Gäste herzlich willkommen zu einem Abend unter dem Motto «Sämpech esch Sämpech». Auch der amtierende Stadtpräsident Jürg Aebi begrüsste im Namen des Sempacher Stadtrats und wies mit einem Augenzwinkern darauf hin, dass sich seit 1986 einiges weiterentwickelt habe. So zum Beispiel nach all den «gestandenen» Sempacher Stadtpräsidenten, einen Berner wie ihn als Nachfolger zu wählen – «und dann erst noch einen reformierten!» Im Anschluss führten Barbara Haas-Helfenstein, Vorstandsmitglied des Museumsvereins, und ihre Tochter Franziska gekonnt durch den Abend.

Geschichtlicher Einblick

Da das Sempacher Stadtrecht schon im Mittelalter galt, gibt es zu dessen Ursprüngen einiges zu erzählen. Stadtarchivar André Heinzer zeigte in einem spannenden Vortrag unter anderem auf, was die Alleinstellungsmerkmale einer Stadt im Mittelalter waren und wie Sempach diese erfüllte, unter welchen Umständen in Mitteleuropa Städte gegründet wurden und welche Vorteile solche Gründungen mit sich brachten. Besonders machten dabei die Einblicke in historische Quellen Eindruck. Am Beispiel der Gerichtsverhandlung eines Sempacher Müllers, der zu 20 Jahren Verbannung verurteilt wurde, zeigte Heinzer auf, wie in Sempach mittelalterliches Recht umgesetzt wurde. Ebenso konnte er anhand alter Protokolle den Zeitraum belegen, in dem der Stadtrat als Gemeinderat aufgeführt wurde und so erklären, wie Sempach unter dem französischen Einfluss in der helvetischen Republik Anfang 19. Jahrhundert zur Einwohnergemeinde, mit einem Gemeinde- anstelle eines Stadtpräsidenten, wurde. Das Publikum zeigte sich im Nachgang begeistert: «So schnell ging eine halbe Stunde Geschichte schon lange nicht mehr vorbei.»

So war es vor 40 Jahren

Nach dem Einblick in die lange Geschichte Sempachs als mittelalterliche Stadt und dem kürzeren Intermezzo als Gemeinde hielt die jüngere Vergangenheit Einzug. Vier Zeitzeugen berichteten in einer Gesprächsrunde von ihren Erlebnissen rund um den 1. Januar 1986: Alois Widmer, ehemaliger Stadtschreiber; Oskar Heini, ehemaliger Gemeindepräsident von Neuenkirch; Werner Fluder, Mitglied des OK 1986 und Alfred Rebsamen, ehemaliger Stadtrat. Besonders stimmig war dabei, dass die Runde von Franziska Haas, der Enkeltochter des 1986 amtierenden Stadtpräsidenten Hans Helfenstein, moderiert wurde. Unterhaltsam wussten die vier Gäste den Fragen Antworten zu liefern und schon zu Beginn war man sich einig: «Beim Empfang hatten wir im Prinzip keine Funktion, nur die Ehre, etwas so Schönes in Empfang nehmen zu dürfen.» Für Heini und Neuenkirch dagegen habe die Proklamation eher «dreimal leeres Schlucken» bedeutet, habe Neuenkirch doch fast ebenso viele Anforderungen fürs Stadt-Sein erfüllt wie Sempach. So kamen vielerlei Anekdoten ans Tageslicht, die seit 40 Jahren in Vergessenheit geraten waren: von versäumten Einladungen über die damalige Einwohnerzahl Sempachs von 2798 Personen bis zur eisigen Kälte auf dem Denkmalplatz bei der Veranstaltung. Beim späteren Apéro werden sicherlich noch so einige mehr zum Vorschein gekommen sein.

Dort, wo noch gegrüsst wird

In einer zweiten Gesprächsrunde wurde es präsidial, denn Franziska Haas befragte die zwei ehemaligen Stadtpräsidenten Andreas Frank und Franz Schwegler sowie den im Sommer scheidenden Stapi Jürg Aebi. Auch sie begannen mit Erinnerungen an den Tag der Proklamation und kamen nach und nach zur Sempacher Selbstwahrnehmung – «jemand sein, ohne vom Boden abzuheben» – und Ausblicken für die Zukunft. Auf die Feststellung Franks, dass man ein Ort sei, in dem noch gegrüsst werde – aber nicht mehr so wie früher –, antwortete das Publikum mit einem vielsagenden Nicken. Daraus entstanden auch Wünsche für die kommenden Generationen. Aebi meinte: «Tragt Sempach im Herzen, denn hier habt ihr eure Werte fürs Leben gelernt», Frank wünschte sich: «Bleibt eng untereinander verbunden und bleibt frech genug, etwas für euch Junge zu verlangen» und Schwegler riet: «Engagiert euch in Vereinen aber auch politisch. So bleibt Sempach beseelt und mehr als nur eine Kulisse».

Bilder sprechen lassen

Den schönen Abend des Zurückerinnerns rundete Marco Sieber mit einer Reinszenierung der Festivitäten in Videoform ab. Dabei vereinte er alte Filmaufnahmen des Städtlis und der Proklamationsfeier mit zeitgenössischen Zeitungsartikeln und eingesprochenen Texten aus Original-Dokumenten von 1986. Das rund fünfminütige Werk liess wohl die meisten der Besuchenden in Erinnerungen schwelgen. Diesen Abschluss krönte Barbara Haas mit der Anekdote, dass die damals zur Feier zahlreich in die Luft gelassenen Ballone inkl. vorfrankierter Postkarten mit Rücksende-Etikett bis nach Polen und darüber hinaus geflogen waren, sodass die «frische» Stadt die Portokosten der ungenügend frankierten Karten übernehmen musste. Sie schloss mit einem Ausblick und Dank: «Sämpech esch Sämpech, Sämpech bliibt Sämpech – das ou wäge euch.»

Vom verlorenen Stadttitel

Sempach, das im ersten Drittel des 13. Jahrhundert das mittelalterliche Stadtrecht verliehen bekam, kam lange Zeit in den Nutzen des Stadttitels. Durch den französischen Einfluss Anfang 19. Jahrhundert in der helvetischen Republik wurden die alten ständischen Strukturen aufgehoben. Im Zuge dessen kam die weitreichende Reorganisation der Städte zu Einwohnergemeinden, die nun nicht mehr von einem Stadtrat, sondern einem Munizipalrat geführt wurden. Auch Sempach wurde dabei zur Einwohnergemeinde mit einem Gemeinderat. Mit dem Ende der Helvetik und dem Fortschreiten der Zeit wollte man wieder von altem Recht Gebrauch machen und das Stadtrecht, das seit dem Mittelalter noch immer geltend war, zurückfordern. Sursee und Willisau taten dies bereits Anfang 20. Jahrhundert, Sempach zog dann per 1. Januar 1986 mit der Proklamation als Stadt nach.