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Drei Alfreds, drei Geschichten, Dreiangel

Ramon Wolf 12. März 2026

Die Vogelwarte in Sempach kennt man weit über die Kantons-, sogar Landesgrenzen hinaus. Dass ihre Geschichte mit einem schattenwerfenden Gebäude und einem Käsehändler begann, wissen dagegen nur wenige. Christian Marti gab in einem spannenden Referat  Einblick dazu.

Die Vogelwarte in Sempach kennt man weit über die Kantons-, sogar Landesgrenzen hinaus. Dass ihre Geschichte mit einem schattenwerfenden Gebäude und einem Käsehändler begann, wissen dagegen nur wenige. Christian Marti gab in einem spannenden Referat  Einblick dazu.

Den fleissigen Besuchenden der Tuchlaube im Sempacher Rathaus ist er mit Sicherheit schon lange aufgefallen: der Nistkasten mit Star, montiert am Gebälk. Warum dieser allerdings dort ist, wissen wohl nicht mehr alle, die unter ihm im Tuchlauben-Publikum schon spannenden Podien oder bezaubernden Konzerten lauschten. Dieser und weiteren Anekdoten ging Christian Marti am vergangenen Dienstagabend in seinem Referat «Der Seehof im Dreiangel als erster Sitz der Schweizerischen Vogelwarte» historisch auf die Spur. Dies lockte ein zahlreiches Publikum an, wie auch der Präsident des Museumsvereins, Hubert Lieb, freudig betonte: «Nun ist die Frage nach der Anzahl Stühle fürs Publikum geklärt: Viele!»

Einsprachen wie heutzutage

Wie der Titel des Referats bereits vermuten liess, begann Christian Marti seine Ausführungen zur Geschichte der Schweizerischen Vogelwarte im Dreiangel. Denn wo heute Autos parkieren, stand früher ein stattliches Haus – der Seehof. Gebaut wurde es im Jahr 1864 von Joseph Gassmann, späterer Gerichtsschreiber am Bezirksgericht Sempach. Der Bau dieses Hauses auf der dreieckigen, namengebenden Parzelle des heutigen Dreiangels fand aber nicht überall Anklang. Der im benachbarten Pfarrhof, dem heutigen «Apfli», wohnende Leutpriester Joseph Bölsterli beanstandete, dass durch die Bebauung der Parzelle sein Haus beschattet werden könnte, wie in alten Dokumenten zu lesen ist. Dank des kurzen Lesekurses für Kurrentschrift, konnte das Publikum diese kurzerhand selbst entziffern, oder zumindest erahnen. «Aber da müsste es also schon sehr spät abends im Hochsommer sein, damit das Pfarrhaus etwas an Schatten abbekommen hätte», schmunzelte Marti wissend. «S esch jo wie höt», flüsterte man sich scherzhaft im Publikum zu – in Bezug auf kuriose Einsprachen bei heutigen Baueingaben. Trotz des Widerstands wurde der Seehof genehmigt, gebaut und bezogen, «als Verschönerung des Stadtbildes im Bereich des Ochsentors», wie der Korporationsrat seinerzeit beim Verkauf argumentierte.

Der Käse trieb nach Sempach

Nach dem Tod von Joseph Gassmann ging das Haus über in den Besitz des Aargauer Käsehändlers Alfred Schifferli. «Da wir heute von drei Generationen Alfred Schifferlis sprechen werden, nenne ich sie einfach Alfred 1, 2 und 3», erklärte Christian Marti. So erzählte er die Lebensgeschichte von «Alfred 1» Schifferli, der als Handelsreisender für Käse nach Sempach kam und sich niederliess. Mit Ausführungen zur Gründung von Schifferlis eigenem Käse-Exportgeschäft in Sempach Station gab Marti auch einen kurzen Exkurs zur damaligen Produktion von exportfähigem Hartkäse im Flachland, dessen Transport und dazu, wofür etwa «Käsekübel» verwendet wurden.

Sein Geschäft florierte, 1877 heiratete er Nanette Schürmann und 1879 wurde ihr Sohn «Alfred 2» geboren.

Von Anfang an dabei

Der zweite Alfred war Buchhalter des Verbands Landwirtschaftlicher Genossenschaften der Zentralschweiz, gründete mit Elisabeth Rösli vom Schloss Wartensee eine Familie mit vier Kindern – darunter «Alfred 3» – und hatte eine Leidenschaft für die Vogelkunde. So veröffentlichte er etwa seine Beobachtungen zu den Vögeln am Sempachersee in der Zeitschrift «Ornithologischer Beobachter» und bot der Schweizerischen Gesellschaft für Vogelkunde und Vogelschutz an, die Arbeit für ihre angestrebte Vogelwarte ehrenamtlich in seiner Freizeit zu übernehmen, und stellte den nötigen Raum in seinem Haus zur Verfügung. Die Vogelwarte wurde unter diesen Umständen am 6. April 1924 gegründet. «Alfred 2» investierte neben seinem Vollzeitjob viel Zeit in die Arbeit bei der Vogelwarte. Für seinen Geschmack war das allerdings noch zu wenig. In seinen häufigen und langen Briefwechseln habe er öfter erwähnt, dass er «leider zu wenig Zeit zum Beobachten» hatte und er lieber Vollzeit für die Vogelwarte arbeiten würde. Zudem entwickelte er eigene Methoden für seine Arbeit, beispielsweise eine Reuse mit Netz, um Stare im Schilf zur Untersuchung einfangen zu können. «Zudem war er der erste Stand-up-Paddler», wusste Marti, ehemaliger Betriebsleiter und Bibliothekar der Vogelwarte. Er habe einen Patentantrag von Schifferli gefunden, in dem er «Wassergleitschuhe» – hölzerne Konstruktionen, in die man wie in einer Art Holzschuh in Übergrösse einstieg und so an der Wasseroberfläche trieb – patentieren wollte. Ob ihm das Patent zugesprochen wurde, blieb unbekannt. Nur zwölf Jahre später verstarb Alfred Schifferli. Über die Gründe für seinen frühen Tod ist man sich nicht ganz im Klaren, es wird allerdings davon ausgegangen, dass er an der Infektion einer Wunde, die ihm ein Pflegevogel zugefügt hatte, verstorben ist – gewissermassen Ironie des Schicksals.

Mit 22 Jahren nachgerückt

Nach dem frühen Tod des Vaters übernahm sein ältester Sohn, der dritte Alfred Schifferli, mit 22 Jahren die Leitung der Vogelwarte und sorgte zugleich für seine Familie. Seine Geschwister hätten ihn dafür liebevoll einen «Fascht-Vater» genannt, so Marti. Um seiner Arbeit bei der Vogelwarte gerecht werden zu können, absolvierte er später noch ein Biologie- studium. 1945 wurde er für die Leitung der Vogelwarte dann erstmals bezahlt und zudem traten er und Margrit Amrein, die Enkelin des Gletschergarten-Gründers, 1945 vor den Traualtar. «Obwohl das alles Liebesheiraten waren, hatten sich die drei Alfred Schifferlis beim Heiraten nicht ungeschickt angestellt – eine Krämertochter, eine Schlossherrin und eine Gletschergarten-Enkelin», schmunzelte Christian Marti.

Tuchlauben-Intermezzo

Unter der Leitung des jüngsten Alfred Schifferli konnte die Vogelwarte wachsen und gedeihen. So zog sie 1946 vom Seehof ins Rathaus von Sempach, infolge Wirtschaftsförderungsmassnahmen. An diese Zeit im Rathaus soll auch besagter Nistkasten in der Tuchlaube erinnern: «Das ist der teuerste Nistkasten, den die Vogelwarte je gebaut hat», scherzte Marti und spielte auf den damit verbundenen Sponsoringbeitrag der Vogelwarte an. Nach der Phase in der Tuchlaube zog die Vogelwarte 1955 in das neue Gebäude am Seeufer südlich des Städtchens. Dieses entwickelte sich mit der Zeit immer weiter, bis es zu dem wurde, wie man es heute kennt, mit Besucherzentrum und Bürokomplex.

Überraschungsgast mit Erfahrung

Mit dem Erwerb des Dreiangels durch die Stadt Sempach in den 1960er-Jahren, zur Realisierung einer neuen Verkehrsführung mit Parkplatz, fand auch der Seehof, der die Familie Schifferli seit jeher begleitete, ein Ende. Sie zog 1965 ins neu gebaute Haus im Wygart an der Strasse nach Kirchbühl. Um den Seehof und seine Geschichte abschliessend noch einmal zu würdigen, rundete Überraschungsgast Regula Egli-Schifferli, Tochter des jüngsten Alfred, den Abend mit allerlei Anekdoten und Details zum Haus und ihrer Kindheit darin ab. So erzählte sie beispielsweise von Vogelfangvorrichtungen mit Harassen zur Beringung neugieriger Vögel, Zimmern voller Schachteln und Emser-Flaschen, Kompost unter dem Holunderstrauch und Briefmarken im Täfer, «dass die später auch etwas davon haben». Der umfassende Einblick in die Geschichte eines Gebäudes, einer Familie und einer Institution war so Nostalgie und Neues in einem kurzweiligen Abend vereint.

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