Dass sie so schnell einmal Weltmeisterin werden würde, hätte Ilona Emmenegger vor einigen Jahren selbst nicht geglaubt. Erst im November 2022 wurde die Hildisriederin ins Nationalkader des Schweizer Powerchair-Hockey-Nationalteams aufgenommen. Am 31. Mai holte sie an ihrer ersten Weltmeisterschaft im finnischen Pajulahti mit der Schweiz Gold. «Mein Ziel war schon immer, es einmal in die Nati zu schaffen», erzählt die 21-Jährige, die mit ihren Eltern und zwei Brüdern in Hildisrieden lebt. «Ein Podestplatz war unser Ziel. Dass wir bereits so früh Weltmeister werden würden, hätte ich nicht erwartet.» Dabei ist nicht nur ihr junges Alter bemerkenswert. Auch das Schweizer Nationalteam hat in den vergangenen Jahren einen grossen Entwicklungsschritt gemacht. «Viele sagen, die Schweiz sei ein interessantes Team», schmunzelt Ilona Emmenegger. «Unsere Mentalität ist anders. Wir spielen und denken miteinander.»
Schnelle Sportart mit viel Präzision
Powerchair-Hockey ist eine schnelle Sportart, bei der zwei Teams in Sportelektrorollstühlen (Powerchairs) mit Unihockeyschlägern oder einem T-Stick um Tore kämpfen. Die Rollstühle dürfen dabei Geschwindigkeiten von maximal 15 Kilometern pro Stunde erreichen – wer dieses Limit überschreitet, riskiert eine Rote Karte samt Spielsperre. Auch Ilona Emmenegger spielt mit einem T-Stick – einem T-förmigen Schläger, der vorn am Rollstuhl befestigt ist. Ihr Modell ist ein besonderes: «Ich habe ihn selbst entworfen, gefertigt wurde er von meinem Vater und meinem Onkel», erzählt sie stolz. Mittlerweile setzen auch mehrere ihrer Teamkolleginnen und -kollegen auf dieses Modell.
Seit über zehn Jahren ein «Shark»
Bereits im Alter von sieben Jahren entdeckte Ilona Emmenegger ihre Begeisterung fürs Powerchair-Hockey. Damals lernte sie die Sportart im Schulsport der Stiftung Rodtegg kennen. Von der Leidenschaft gepackt, spielt sie ein Jahr später für den Powerchair-Hockey-Verein Lucerne Sharks, der dem Rollstuhlclub Zentralschweiz angehört. Bereits in ihrer ersten Saison 2017/18 feierte sie mit dem Verein einen Erfolg: den Schweizer-Meister-Titel in der Nationalliga B. Dies ebnete ihr den Weg ins Nachwuchskader des Nationalteams. «Ich hätte damals nie gedacht, dass es klappen würde, da ich noch so jung war», erinnert sich die Hildisriederin an die Selektion.
Über Taktik und Fingerspitzengefühl
Besonders fasziniert sie bis heute die Kombination aus Schnelligkeit, Dynamik und Taktik. Damit das volle körperliche Potenzial von jedem Athleten und jeder Athletin ausgeschöpft werden kann, wird jeder Sportrollstuhl individuell abgestimmt und angepasst. «Nicht nur das Körperliche ist für einen Sieg wichtig», sagt Ilona Emmenegger. Noch entscheidender seien eine gute Spielübersicht, taktisches Denken und Fingerspitzengefühl. Dass sie diese Fähigkeiten besitzt, zeigt sich auch im Spiel. Man muss das Spiel lesen, Fahrtwege frühzeitig erkennen und in Sekundenbruchteilen die richtigen Entscheidungen treffen. Präzises Stellungsspiel in der Defensive und eine klare Kommunikation mit den Mitspielerinnen und Mitspielern sind dabei entscheidend. Für ihre Übersicht und ihr taktisches Verständnis wird Ilona Emmenegger auch von ihren Teamkollegen geschätzt, die sich hin und wieder Tipps bei ihr holen. Trotzdem weiss die 21-Jährige genau, woran sie nach der Sommerpause arbeiten möchte: die Taktik verbessern und das Spielgeschehen noch besser verstehen.
So setzt sie sich für mehr Bekanntheit ein
Noch ist Powerchair-Hockey eine Randsportart. Selbst an der Weltmeisterschaft im finnischen Pajulahti blieben zahlreiche Plätze auf den Zuschauerrängen leer. Das bedauert Ilona Emmenegger. Deshalb nutzt sie Interviews und Gespräche mit ihrem Umfeld, um auf ihre Sportart aufmerksam zu machen.
Doch nicht nur die fehlende Bekanntheit beschäftigt die Nationalspielerin. Auch finanziell ist der Sport herausfordernd. Sportrollstühle sind teuer und werden im schnellen Spiel stark beansprucht. Reparaturen oder Ersatzteile kosten viel Geld. Um mit dem heutigen Niveau mitzuhalten, seien Sportrollstühle jedoch unverzichtbar. Unterstützt wird Ilona Emmenegger von den Lucerne Sharks und der Ernst Göhner Stiftung als langjähriger Sporthilfepatin sowie ihren Eltern.
Mehr Frauenpower gewünscht
Nicht nur die Finanzierung stellt den Sport vor Herausforderungen. Kürzlich gab auch das Trainerduo des Schweizer Nationalteams seinen Rücktritt bekannt. Nun läuft die Suche nach einer Nachfolge. «Irgendwie geht es sicherlich weiter», sagt Ilona Emmenegger. Gleichzeitig hofft sie, dass das hohe Niveau des Teams gehalten werden kann.
Auch dafür brauche es mehr Aufmerksamkeit für die Sportart. «Es gibt viele, die Powerchair-Hockey spielen könnten, aber es einfach noch nicht kennen.» Gerade Spielerinnen würde sie gerne häufiger auf dem Spielfeld sehen. Aktuell ist Ilona Emmenegger die einzige Frau im Nationalteam. «Manchmal sind die Gespräche dementsprechend einseitig», sagt sie lachend.
Darüber hinaus sei auch der organisatorische Aufwand nicht zu unterschätzen. «Ich kann den Sportrollstuhl nicht wie Turnschuhe in die Tasche packen und einfach mitnehmen.» Für den Transport zu Trainings und Turnieren ist sie deshalb auf die Unterstützung ihrer Eltern angewiesen.
Mit Zielen in die Zukunft
Nebst dem Sport absolvierte Ilona Emmenegger die KV-Lehre der Talent School, die sie diesen Sommer erfolgreich abschloss. Die Abschlussprüfungen fielen ausgerechnet in die Zeit der WM in Finnland. Dank der Unterstützung ihres Arbeitgebers und der Frei's Schulen Luzern konnte sie einzelne Prüfungen verschieben. «Lernen konnte und wollte ich in Finnland aber nicht», erinnert sie sich lachend, denn «ich wollte mich zu 100 Prozent auf das Hockey fokussieren». Nach der späten Heimreise wartete bereits am nächsten Morgen eine vierstündige schriftliche Prüfung. Auch diese Herausforderung meisterte die 21-Jährige – ganz in Weltmeister-Manier.
Ihre sportliche Karriere wird Ilona Emmenegger auch nach dem Lehrabschluss weiterverfolgen. Ein grosses Ziel ist für sie die Selektion in das Stammkader des Nationalteams und sie möchte sich als erste T-Stick-Spielerin etablieren. «Dass mir die Teammitglieder vertrauen», sei dabei besonders wichtig. Langfristig möchte sie sich sportlich weiterentwickeln, mit dem Nationalteam weitere internationale Erfolge feiern und dazu beitragen, dass Powerchair-Hockey bekannter wird. Ihre Botschaft an junge Menschen ist dabei klar: «Wenn man etwas erreichen will, kann man es schaffen, egal welche Hürden es gibt.»


