Biblische Weiden, die Hölle, Portugal – und das alles in Sempach? Zumindest sprachlich ist dem so. Sie finden sich in Flurnamen wie «Galee» und «Höll». «Portugal» bezeichnete eine Liegenschaft nahe Honerich, die heute nicht mehr existiert. Die Namenskultur Sempachs ist divers, wie ein Rundgang von zwei wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen des beim Luzerner Staatsarchiv angesiedelten «Luzerner Namenbuchs» zeigte. Die Arbeit der Wissenschaftlerinnen Sarah Künzler und Irene Rettig ist abwechslungsreich: Das Recherchieren im Staatsarchiv, das Studieren von Bodenbeschaffenheiten oder die Befragung von ehemaligen Landwirten ist alles Teil davon. Dabei im Zentrum immer die Frage: «Wieso heissts, wies heisst?»
Einfache …
Es gibt Bezeichnungen, da ist die Antwort klar: «Büel» beispielsweise, wie es in «Chilchbüel» oder «Steinibüel» zu finden ist, ist ein altes und verbreitetes Wort für kleine Anhöhen. Auch die Endung «-wil» oder «-inge», wie man sie in «Adelwil» oder «Trutigen» findet (beides auf Neuenkircher Boden), gibt meist schnell Aufschluss. Solche Namen beziehen sich oft auf die Gründer oder Besitzerinnen der Siedlung im Mittelalter. Ähnlich verhält es sich mit der Endung «selle(r)n», wie bei «Dachsellere», die vermutlich auf das althochdeutsche Wort «selida» zurückgeht, das Wohnung oder Unterkunft bedeutet.
… und schwierigere Erklärungen
Doch so einfach ist es nicht immer. Beim «Galee» tippen Künzler und Rettig auf die Bezeichnung nach dem biblischen «Galilea», doch sicher könne man das erst sagen, nachdem die historischen Quellen ausgewertet seien. Möglich sei auch die Bedeutung «Galeere» im übertragenen Sinn, beispielsweise für ein grosses Gebäude oder ein altes Haus. Auch bei der «Schnabelweid» sei die Antwort nicht sofort klar. Als «Schnabel» werden schnabelförmige Parzellen, langgezogene, vorstehende Geländestellen, oder Stellen mit reichlich Nahrung bezeichnet. Gleichzeitig ist da die Geschichte von den Habsburgern, die sich auf dieser Wiese während der Schlacht von Sempach die Stiefelspitzen abgeschnitten haben sollen, um besser flüchten zu können. Auch die Bezeichnung «Schlacht» muss nicht zwingend auf ein historisches Ereignis zurückgehen. Während der Name in Sempach sich tatsächlich auf die Schlacht von Sempach bezieht, kann er andernorts auch auf einen Holzschlag zurückgehen.
Die Frage nach dem E
Und noch zur Frage im Titel: «Leebere» oder «Läbere»? Bei der Aussprache des Namens der Höfe gleich oberhalb der Autobahn in Sempach scheiden sich scheinbar die Geister. «Läbere» wäre sinnvoll, jedenfalls wird das gleichnamige Organ so ausgesprochen. Doch da ist auch das altdeutsche «lee», das so viel wie Hügel oder Anhöhe bedeutet, und zur Lage der Flur passen würde. Doch was stimmt? Sarah Künzler und Irene Rettig geben Antwort: Es war wohl der Ausdruck «leewirun», die Pluralform von «lee», die irgendwann zu «Leberen» wurde, und sich nun in den Bezeichnungen der Höfe wiederfindet. Der Lebernhof wird also mit einem E ausgesprochen.
Austausch liefert Wissen
Diskussionen wie diese gab es an der Führung mehrere. Den Expertinnen ging es dabei nicht um «richtig» oder «falsch», sondern vielmehr darum, weitere Hinweise auf die Herkunft dieser Namen zu erhalten. Oft passiert es, dass sich die Aussprache ändert, und dabei der eigentliche Ursprung des Namens kaschiert wird. Umso wichtiger sei es deshalb, das noch vorhandene Wissen abzuholen. So ist es beispielsweise auch bedeutend zu wissen, was auf bestimmten Landstücken angebaut wurde. Das kann unter anderem Aufschluss über die Beschaffenheit des Bodens geben, was wiederum dabei helfen kann, der Herkunft des entsprechenden Flurnamens auf die Spur zu kommen. Solche Kenntnisse gehen mit der Urbanisierung verloren. «Genau deshalb sind solche Führungen von grosser Bedeutung für uns. Durch den Austausch mit der Bevölkerung können wir auf überliefertes Wissen zugreifen, und wichtige Informationen gewinnen», so Künzler. Der Anlass von vergangenem Wochenende war also nicht nur für die anwesende Bevölkerung äusserst informativ, sondern auch für die wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen.

