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Kolumne: Aus den Ohren, aus dem Sinn

Ramon Wolf 16. August 2026

Davon, wie ein Geräusch in alte Zeiten zurückversetzen kann und ein kleiner Kratzer einer «Little miss can’t be wrong» dazu verhilft, auch mal Fehler zuzugeben. Eine Kolumne von Ramon Wolf.

Davon, wie ein Geräusch in alte Zeiten zurückversetzen kann und ein kleiner Kratzer einer «Little miss can’t be wrong» dazu verhilft, auch mal Fehler zuzugeben. Eine Kolumne von Ramon Wolf.

Wohin auch immer mein Weg mich führt, fast überall begleitet mich in irgendeiner Form Musik: Sei es gedanklich, wenn mir beim Spazieren eine heitere Melodie im Kopf umherschwirrt (und ich meistens nicht recht weiss, woher ich sie kenne). Sei es digital, wenn beim Putzen, Waschen und Haushalten die Musik via Ohrstöpsel die nötige Energie liefert. Sei es live, wenn das Konzert am Wochenende – berufsbedingt oder selbstgewählt – die Abendstunden versüsst. Oder sei es physisch, wenn die Musik im Auto auf der Heimfahrt den Kopf durchlüften lässt. Physisch daher, da ich aufgrund des technischen Stands meines Autos nicht per Bluetooth zu meiner Musikauswahl komme, sondern per CD – wie früher halt. Übrigens ein Umstand, den ich und wohl auch meine kleine Sammlung in die Jahre gekommener Tonträger keineswegs bedauern. So gibt es immer mal wieder etwas zu hören, das sonst vielleicht nicht in die Playlist käme. Erst kürzlich griff ich wieder einmal tiefer in meinen CD-Fundus im Handschuhfach und ergatterte mit «Bravo Hits 5» einen Klassiker, der schon länger nicht mehr in meinem Player seine Runden gedreht hat – «die mit den heissen Tipps von Mr. Hit». So freute ich mich über meinen Fund und legte sie ein. In Gedanken versunken nahm ich meinen Weg unter die Räder und lauschte den angepriesenen «heissen Hits» im Hintergrund. Als bei «Little miss can’t be wrong» von den Spin Doctors plötzlich der Refrain von «Little miss can’t be wrong» zu «Little miss can- -e wrong» wurde und die Strophe holperte, hielt ich kurz inne. War dies doch eine Art Geräusch, das ich schon länger nicht mehr gehört hatte. Aber wo auch, denn wann sollten Songs auf Spotify und Co. je Gelegenheit haben, sich im Alltagsgeschehen zu verkratzen? Damit nahm das Gedankenspiel seinen Lauf:  Wo gibt es denn überall Geräusche, die man über die Jahre vergisst, weil ihr Ursprung schlichtweg aus der Zeit gekommen ist? Das mahnende Ticken und der warme Gong einer Standuhr, das unverkennbare Piepsen beim Erhalten eines Faxes, das Surren eines Röhrenfernsehers beim Einschalten … Nostalgie per Geräusch. Und wie schnell vergisst man, wenn sich nicht regelmässig damit beschäftigt wird.Dass das Zerkratzen einer CD solche Fragen auslösen kann, gab mir doch zu denken. So kann eine CD nicht nur die Geschichte ihrer selbst, der Songs, die sie wiedergibt, erzählen, sondern mit den Kratzern in der Tonspur auch die kleinen Geschichten des Alltags, z. B. wenn durch unvorsichtiges Hantieren aus «can’t» ein «can» wird. «Schläft ein Lied in allen Dingen», wie Joseph von Eichendorff seiner Zeit dichtete. Auch in den Kratzern einer CD. Doch so romantisch diese Sicht auf Kaputtes auch klingen mag: Wenn vor lauter Ruckler und Holperer irgendwann die Songs nicht mehr zu erkennen sind, hat auch dieses gute Stück ausgedient und es muss einem neueren, moderneren Modell weichen. «Bravo Hits 6» zum Beispiel. 

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