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Sempach

Yung Jai: «Meine Texte sollen ein Schockfaktor sein»

Matteo Hug 24. Juli 2026

Yung Jai ist ein Phantom. Seit 2020 findet der Rapper mit düsterem Soundbild im Untergrund Gehör. Auf seinem Album «Zrug vode Tote» sind Drogen und Kriminalität omnipräsent. Über die Person hinter der Skimaske ist bis dato wenig bekannt. Das Ganze hat in Sempach seinen Ursprung.

Yung Jai ist ein Phantom. Seit 2020 findet der Rapper mit düsterem Soundbild im Untergrund Gehör. Auf seinem Album «Zrug vode Tote» sind Drogen und Kriminalität omnipräsent. Über die Person hinter der Skimaske ist bis dato wenig bekannt. Das Ganze hat in Sempach seinen Ursprung.

Ein sonniger Freitagnachmittag. Vor kurzem hat Yung Jai sein Album «Zrug vode Tote» veröffentlicht. Treffpunkt: eine Bank bei der Seeallee. Rund hundert Menschen geniessen die sommerlichen Temperaturen im Park. Der Rapper erscheint ohne Maske. Er wirkt entspannt, zündet sich einen Joint an.

Yung Jai – fit und munter?

Yes. Mir geht es gut. Nach meinem Albumrelease gönne ich mir ein paar Wochen Kreativpause.

Du sitzt mir unmaskiert gegenüber. In der Öffentlichkeit verbirgst du dein Gesicht. Warum?

Der erste Grund: Mit der Skimaske liegt der Fokus auf meiner Musik und nicht auf mir als Person. Ich will nicht erkannt werden, das brauche ich nicht. Zudem gefällt mir der Look. Der andere Grund: Der Schutz meiner Privatsphäre – auch gegenüber den Behörden. Maskiert trete ich auf, wenn ich auf der Bühne oder bei SRF unterwegs bin. Hier in der Öffentlichkeit wäre es unnötig auffällig.

Du kommst aus Sempach. 6204, Seaside – in älteren Songs erwähnst du deine Herkunft mehrmals. Bist du hier stark verwurzelt?

Ich habe hier über die Hälfte meines Lebens verbracht. 2017 haben ein Homie aus Kindertagen und ich auf Apple-Kopfhörern erste Songs aufgenommen – im Seesatz habe ich oft geskatet. Auch wenn ich mittlerweile in der Stadt wohne, kenne ich noch immer viele Leute hier. Die Postleitzahl von Sempach habe ich über meinem Knöchel tätowiert.

Dein Stil ist dunkel, du zeichnest keine heile Welt. Welchen Einfluss hatte deine Jugend in Sempach auf deine Musik?

Überhaupt keinen. Ich bin sehr behütet aufgewachsen und wurde streng erzogen. Erst als ich in die Stadt zog, kamen neue Eindrücke, neue Kollegen, die mich veränderten. In Sempach hatte ich wenig Freiheiten – in Luzern zu viele.

«In Sempach hatte ich wenig Freiheiten – in Luzern zu viele.»

Yung Jai, Rapper

Das heisst?

Ich kam mit Konsum und Kriminalität in Berührung. Es bietet sich an, darüber zu rappen. Ich nutze Rap als Outlet, als Ventil.

Welchen Einfluss hat deine Musik auf die Jugend in Sempach?

Meine Zuhörerschaft lebt heute wohl eher in Luzern als in Sempach. Doch ich hoffe, Jüngere machen mir das nicht nach. Ich rappe über meine Realität – meine Musik ist absichtlich düster. Gleichzeitig übe ich auch Gesellschaftskritik.

Inwiefern?

Ich lege mein Auge auf die Polizei. Ohne jemandem zu nahe zu treten: Gewisse Sachen sind einfach nicht fair. Darüber muss aufgeklärt werden.

Was genau ist unfair?

Dazu will ich mich jetzt nicht äussern.

Wo liegt die Grenze zwischen Privatperson und Kunstfigur?

Schwierig. Meine Musik ist recht asozial – Leute, die mich privat kennen, sagen, ich sei überraschend nett.

Du rappst über Marihuana, Makatussin, Xanax und Percocet, Vakuumiermaschinen und Platten, Waffen und Drogenhandel.

Das ist erfunden.

Auf Instagram posierst du mit Bündeln von Banknoten – woher kommt das Geld?

Alles fake.

Mit deinen Themen bedienst du ein Klischee.

Ja, das stimmt. Das geschieht unterbewusst. Meine Musik tönt so, weil ich gewisse Sachen erlebt habe. Ich bin desensibilisiert und abgehärtet. Werde ich als Klischee bezeichnet, bin ich fein damit.

«Ich bin desensibilisiert und abgehärtet. Werde ich als Klischee bezeichnet, bin ich fein damit.»

Yung Jai, Rapper

Dein Album heisst «Zrug vode Tote». Wie nah bist du dem Tod bereits gekommen?

Schon oft zu nahe. Mehr muss ich nicht sagen. Finger weg von Drogen. Allein der Entzug ist es nicht wert, abhängig zu werden.

In deinen Texten sagst du das nie explizit.

Ich bin ein Beispiel, wie man es nicht machen sollte. Ich verherrliche nichts: Nur weil ich über Drogen rappe, ist es nicht gut. Ich hoffe, die Hörer können das einordnen. Musik ist für mich wie ein Tagebuch. Die Texte sollen abschrecken, ein Schockfaktor sein. Ich zeige eine Realität auf – der Konsum begleitet einen durchs Leben.

«Ich bin ein Beispiel, wie man es nicht machen sollte.»

Yung Jai, Rapper

Wer ist dir näher auf den Versen: der Tod oder die Bullen?

Niemand. Momentan ist alles entspannt.

«Zrug vode Tote» wurde vom Luzerner Musiker Slowmo43 produziert. Wie veränderte die Kollaboration dein Soundbild?

Sämtliche Beats stammen von ihm. Alles ist selfmade, das erhöht die Authentizität meiner Musik. Das ganze Album ist in fünf oder sechs Sessions entstanden. Wir hatten einen guten Workflow.

Steckt ein Konzept hinter dem Projekt?

Das Album erzählt die Geschichte, die es erzählt. Der rote Faden sind die Beats von Slowmo. Einen genauen Plan hatten wir nicht. Mittlerweile freestyle ich meine Texte. Wir suchten jeweils einen Beat aus. Nach 20 oder 30 Minuten stand dann mein Part.

Was ist dein Lieblingssong des Albums?

«Ufstah» – ein Feature mit 6juri5 und Erlisosa. Zwei gute Freunde und gleichzeitig zwei meiner Top-5-Lieblingsrapper.

Mit dem Luzerner Erlisosa – vormals bekannt als Eli05 – hast du ein Tape «in vault». Wie ist der Stand des Projekts?

Wir haben in den letzten Jahren 20 oder 25 Songs aufgenommen. Das wird ein grösseres Mixtape – Erlisosa ist noch krasser als Eli05. Ich habe aber auch noch Kollaborationen mit anderen Künstlern. Im Frühling hat mich der Producer YungSmoke030 nach Berlin eingeladen. Dabei entstand eine Solo-EP mit fünf Songs. Im Mai war ich erneut bei Smoke, um mit dem Rapper Lev17 aus Kiel eine EP aufzunehmen.

Hast du auch Solo-Projekte im Anschlag?

Ich habe über 700 Songs auf einem Laptop. Auf den neusten Songs merkt man auch mehr, wie mich die letzten Jahre kaputtgemacht haben. Es wird sentimentaler und persönlicher. Etwas, was man von mir bisher nicht kennt – eine neue Ära.

Bist du ein Vorbild?

Ich hoffe nicht. Ich habe zwei jüngere Geschwister. Ihnen sage ich: Macht nicht die gleichen Fehler wie ich. Im Alltag strahle ich eine positive Energie aus und umgebe mich mit guten Leuten. An alle Jugendlichen, die mich hören: Macht euren Abschluss und kommt nicht auf dumme Gedanken. Auf krummen Wegen an Geld zu kommen, zahlt sich nie aus.

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