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Neuenkirch

«Ich musste lernen, damit umzugehen»

Flavia Rivola  24. Mai 2026

Seit Anfang Jahr ist Silja Stofer Mitglied der erweiterten Geschäftsleitung der Fenaco-Genossenschaft. Die 43-Jährige wuchs in Neuenkirch auf und sammelte als Jugendliche erste journalistische Erfahrungen bei dieser Zeitung. Zeit für einen Rück- und einen Ausblick.

Seit Anfang Jahr ist Silja Stofer Mitglied der erweiterten Geschäftsleitung der Fenaco-Genossenschaft. Die 43-Jährige wuchs in Neuenkirch auf und sammelte als Jugendliche erste journalistische Erfahrungen bei dieser Zeitung. Zeit für einen Rück- und einen Ausblick.

Silja Stofer, Sie sind in Neuenkirch aufgewachsen. Wo genau?

Auf einem Landwirtschaftsbetrieb in der Rippertschwand. Der Betrieb wird heute von meinem Cousin geführt. Meine Eltern und meine Schwestern leben noch in der Gemeinde. Ich bin regelmässig dort.

Wie haben Sie die Rippertschwand in Erinnerung?

Ich hatte eine wunderbare Kindheit. Im Sommer gingen wir abends manchmal im Pyjama aufs Erdbeerfeld, um ein paar Beeren zu pflücken. Wenn ich daran denke, läuft mir heute noch das Wasser im Mund zusammen. Im Winter legte unser Vater ab und zu eine kleine Skipiste an und machte mit dem Traktor den Skilift. Es waren immer viele Kinder da und wir spielten zusammen Räuber und Poli.  

Bis wann haben Sie in Neuenkirch gelebt?

Kurz nach der Matur übergaben meine Eltern den Hof und wir zügelten in ein Haus im Dorfkern. Mitte zwanzig bin ich weggezogen.  

Wo hat es Sie beruflich hingezogen?

Ich habe es zuerst mit Jura probiert und schnell gemerkt, dass ich damit nicht glücklich werde. So habe ich die Hotelfachschule Luzern absolviert. Bei dieser praxisorientierten Ausbildung ist man viel unterwegs. Ich habe an verschiedenen Orten in Hotels und Restaurants gearbeitet und konnte viel reisen. Schliesslich erhielt ich meine erste Festanstellung beim ZFV, einer Zürcher Gastronomie- und Hotelleriegenossenschaft. Ich hatte eine mutige Chefin und durfte früh Verantwortung übernehmen: Aufgrund meiner schreiberischen Fähigkeiten und meines Flairs für die Kommunikation, gab sie mir den Auftrag, den Bereich Marketing und Kommunikation aufzubauen. Später habe ich an einem Zürcher Spital den Bereich Marketing und Kommunikation verantwortet. 2019 wechselte ich zur Fenaco. Dort kam alles zusammen, was ich bis dahin in meinen beruflichen Rucksack gefüllt hatte. Der Genossenschaftsgedanke, das Kulinarische, das Politische aus dem Gesundheitswesen sowie die journalistische Erfahrung. Und natürlich bin ich auch zurückgekehrt zu meinen bäuerlichen Wurzeln. Das hat einfach gepasst.

Seit Sie weggezogen sind, hat sich Neuenkirch sehr verändert. Wie empfinden Sie das?

Die Entwicklung ist schon bemerkenswert. Als ich in der Primarschule war, zählte die Gemeinde weniger als 5000 Einwohnende. Nun sind es über 7000. Aber ich erlebe Neuenkirch nach wie vor als Dorf mit einem starken Vereinsleben. Wenn ich im Winter meinen Sohn vom Kurs des Skiclubs abhole, dann herrscht noch dasselbe Gewusel, wie damals, als ich selber teilgenommen habe. Auch den Turnerabend oder die Hasenparty gibt es noch. Vieles hat sich verändert, und trotzdem fühlt es sich nach zu Hause an.

Erinnerungen verbinden Sie auch mit dieser Zeitung. Sie haben eine Zeit lang als Kolumnistin und freie Journalistin für die «Surseer Woche» und die «Sempacher Woche» geschrieben. Wie kam es dazu?

Als Jugendliche nahm ich am Schreibwettbewerb «Club der jungen Dichter» – wie er damals hiess – der «Luzerner Zeitung» teil. Dadurch ist der damalige Chefredaktor der «Sempacher Woche», Marcel Schmid, auf mich aufmerksam geworden. Und dann habe ich relativ blauäugig gefunden: ‘Jawohl, das mache ich’.

Wussten Sie schon, dass das für Sie ein Wendepunkt werden könnte?

Natürlich wusste ich nicht, dass ich damit die Weichen für meinen beruflichen Werdegang stellte. Wenn ich zurückblicke, haben mich vor allem zwei Erkenntnisse geprägt: Das Erste ist, dass Schreiben sehr kreativ ist, aber auch Knochenarbeit. Es braucht eine gute Idee. Diese in einen süffigen Text zu giessen, ist noch einmal etwas ganz anderes. Und das Zweite ist, dass man sich mit seinen öffentlichen Äusserungen exponiert. Ich habe immer gestaunt, wie viele Reaktionen ich – und sogar meine Eltern – auf meine Texte bekommen habe. Die meisten davon waren positiv. Ich hatte damals sicher einen Jugendbonus. Aber man hat mir auch gesagt, wenn man meine Perspektiven nicht teilte. Ich musste lernen, damit umzugehen. Das war eine gute Erfahrung.

2019 übernahmen Sie die Leitung der Fenaco-Kommunikation. Was waren dort die Herausforderungen?

Der Job bei der Fenaco ist eine der spannendsten Kommunikationsstellen der Schweiz! Das Schönste und zugleich Herausforderndste daran ist die Vielfalt. Die Fenaco ist in den Geschäftsfeldern Agrar, Detailhandel, Lebensmittelindustrie und Energie tätig. An einem Tag setzt man sich mit einer Drohnentechnologie im Pflanzenschutz auseinander, am nächsten Tag geht es um ein Bauprojekt in der Lebensmittelindustrie. Und am übernächsten Tag erzählst du, wie Agrola die Landwirte zu Energiewirten macht. Hinzu kommt die Vielfalt der Anspruchsgruppen: von den Mitarbeitenden über die Genossenschaftsmitglieder bis hin zur Öffentlichkeit. Das gleiche Thema ist je nach Zielgruppe anders zu gestalten.

Wie machen Sie das?

Wir nutzen dafür unterschiedliche Kanäle. Die Fenaco gibt das landwirtschaftliche Fachmagazin UFA-Revue heraus, daran lässt es sich gut erklären: Früher erschien die UFA-Revue einmal pro Monat ausschliesslich als Printmagazin. Um heute vom Jungbauern bis zur arrivierten Bäuerin alle zu erreichen, bewirtschaften wir zusätzlich ein Online-Portal und ausgewählte Social-Media-Kanäle. Wir experimentieren mit Vorlesefunktionen und Podcast-Formaten. Die Redaktion ist immer noch gleich gross wie früher. Um alles in der gewünschten Qualität unter einen Hut zu bringen, muss man in die Effizienz investieren und Prioritäten setzen. Zudem sind wir ein zweisprachiges Unternehmen. Wir kommunizieren alles auf Deutsch und Französisch. Das heisst, wir müssen immer auch den Übersetzungsprozess und die Eigenheiten der Sprachregionen berücksichtigen.

Nun sind Sie in der erweiterten Geschäftsleitung und stehen dem Departement Nachhaltigkeit, Entwicklung und Kommunikation vor. Können Sie dazu etwas erzählen?

Die Nachhaltigkeit ist tief verankert in der bäuerlichen DNA und entsprechend auch in der Fenaco. Wir haben eine klare Strategie, die es umzusetzen und weiterzuentwickeln gilt. Auch die Berichterstattung muss sichergestellt sein. In den Bereich Entwicklung fällt die Entwicklung von Mitarbeitenden, Teams und der ganzen Organisation. Mit Schulungs- und Beratungsangeboten tragen wir dazu bei, in den verschiedenen Unternehmenseinheiten gemeinsame Grundsätze zu verankern. Und wir unterstützen die Weiterentwicklung von Fähigkeiten, Strukturen und Prozessen, um auch in Zukunft erfolgreich zu sein. Zwischen den drei Disziplinen gibt es viele Schnittstellen.

In Bezug auf die Organisationsentwicklung fällt auf, dass die Fenaco mehr Frauen in Führungspositionen hat als früher. Ist dies Ihnen zu verdanken?

Es ist ein Nachhaltigkeitsziel der Fenaco, den Anteil der Frauen in Führungspositionen zu erhöhen. Wir bewegen uns in die richtige Richtung: Etwa ein Viertel sind heute Frauen. Wie in der Gesellschaft passiert so etwas auch im Unternehmen nicht von allein. Die Debatte wird oft emotional geführt. Aus unternehmerischer Perspektive gibt es zwei nüchterne Gründe, warum man sich für einen höheren Frauenanteil engagiert. Erstens: Gemischte Teams sind erwiesenermassen erfolgreicher als reine Frauen- oder reine Männerteams. Der zweite Grund ist: Wir können es uns nicht leisten, 50 Prozent der Bevölkerung hervorragend auszubilden und danach nicht in den Erwerbsprozess einzubinden, nur weil wir es nicht schaffen, die dafür nötigen Rahmenbedingungen anzubieten. Ob Frau oder Mann: Am Ende suchen wir Mitarbeitende, die etwas bewegen wollen, die sich für unseren Genossenschaftszweck engagieren und die Landwirtinnen und Landwirte bei der wirtschaftlichen Entwicklung ihrer Unternehmen unterstützen wollen.

Also Motivation vor Geschlecht?

Wir haben angefangen, viel stärker im Lebensphasenmodell zu denken. Junge Mitarbeitende, die am Anfang der Berufskarriere stehen, brauchen andere Rahmenbedingungen, um ihren Job erfolgreich zu meistern, als solche, die gerade eine Familie gegründet haben oder deren Kinder in Ausbildung sind. Jemand, der Richtung Pensionierung geht, hat wieder andere Anforderungen. Durch dieses Mindset ist vieles in Bewegung gekommen. 

Viele Leute aus der Region arbeiten in einem Unternehmen der Fenaco. Wie wichtig sind diese für die Fenaco?

Wir sind hier stark verwurzelt. Etwa 1300 Mitarbeitende aus der Region arbeiten bei der Fenaco oder bei einer unserer Tochtergesellschaften Ufa, Anicom, Ramseier, Traveco, Bison usw. Was den Standort Sursee besonders auszeichnet, ist der Mix zwischen Kolleginnen und Kollegen mit ländlichem und mit städtischem Hintergrund. Das ist für ein Unternehmen wie die Fenaco, das sich zwischen diesen Welten bewegt und eine Brücke schlagen will, sehr wertvoll.

Die Fenaco möchte den Stadt-Land-Graben überwinden?

Wir setzen uns für den Dialog zwischen Stadt und Land ein. Im November haben wir die dritte Ausgabe des Fenaco Stadt-Land-Monitors herausgegeben. Das gegenseitige Unverständnis hat sich leider akzentuiert.  

Haben Sie Ideen, wie Sie das angehen? 

Mit dem Stadt-Land-Monitor machen wir das Verhältnis sichtbar und leisten einen Beitrag zur öffentlichen Debatte. Gemeinsam mit dem Bauernverband engagieren wir uns in einer Stiftung, die Projekte unterstützt, die auf den Dialog zwischen Stadt und Land einzahlen. Auch die von uns finanzierte Ausstellung rund um das Thema Land- und Ernährungswirtschaft im Verkehrshaus Luzern ist als Begegnungsplattform konzipiert.

Zur Person

Kurzporträt   Silja Stofer (Jg. 1983) ist seit dem 1. Januar Mitglied der erweiterten Geschäftsleitung der Fenaco Genossenschaft. Sie übernahm innerhalb der Division Unternehmensentwicklung das neu formierte Departement Nachhaltigkeit/Entwicklung/Kommunikation. Davor leitete die ausgebildete Hotelière/Restauratrice sieben Jahre lang die Kommunikationsabteilung des Unternehmens. Zu Beginn ihrer Karriere war Silja Stofer journalistisch für diese Zeitung tätig. Sie ist auf einem Landwirtschaftsbetrieb in Neuenkirch aufgewachsen und lebt heute mit ihrer Familie im Kanton Luzern am Fuss der Rigi.

red

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