Siggi Stadtbäumer, worum geht es in Ihrem Krimi?
In «Zwölf Spuren im Nebel» wird Kommissar Joel Tanner aufgrund eines einschneidenden Erlebnisses von Zürich nach Luzern versetzt. Der idyllischen Ruhe wegen zieht er nach Neuenkirch und nicht ins hektische Luzern. Doch die ländliche Idylle trügt: Eine Serie von neun Todesfällen erschüttert das Dorf. Was zunächst wie tragische Unfälle aussieht, entpuppt sich als ein komplexes Geflecht aus Schuld und Geheimnissen. Tanner muss tief in die dörflichen Strukturen eintauchen, um die Verbindung zwischen den Opfern zu finden.
In ihrem Roman steht die Gemeinde Neuenkirch im Zentrum. Was sind die Gründe dafür?
Neuenkirch bietet die perfekte Kulisse für einen «Heimatkrimi». Die Mischung aus moderner Wohngemeinde und ländlicher Tradition erzeugt eine spannende Atmosphäre. Verbrechen existieren nicht nur in der Anonymität einer Grossstadt, sondern jedes noch so beschauliche Dorf hat seine Geschichte.
Was verbindet Sie selbst mit Neuenkirch?
2002 ging ich beruflich alleine in die Schweiz, wohne seitdem in Neuenkirch und bin dort tief verwurzelt. Neuenkirch wurde zu meiner Heimat, während meine Frau mit den beiden Töchtern in Deutschland blieb und wir bis heute erfolgreich eine Fern-Ehe und -Familie führen. Also viel Zeit für kriminelle Ideen (lacht). In dieser Zeit habe ich den Ort, seine Menschen und die Landschaft schätzen gelernt. Diese tiefe Verbundenheit war die Motivation, meinen ersten Krimi genau hier spielen zu lassen, als eine Art literarische Hommage an meine Wahlheimat.
Die Tatorte der neun Todesfälle beruhen alle auf tatsächlich existierenden Orten in Neuenkirch. Um welche Schauplätze handelt es sich dabei und wie sind Sie darauf gekommen?
Schon immer geisterte mir die Idee eines Romans durch den Kopf. Als Chemieingenieur stelle ich mich gerne beruflichen und privaten Fragestellungen, um diese strukturiert und systematisch anzugehen und zu beantworten. Die perfekte Initialzündung für den Neuenkirch-Krimi war ein Tag im Frühling und ein Blick aus dem Fenster. Ein Nachbar reinigte das über den Winter verschmutzte Wasserbassin. Während einer Pause legte er die Handschuhe auf den Rand, was aussah wie eine im Bassin treibende Leiche. Damit war der Neuenkirch-Krimi geboren. Während der vielen Jogging-Kilometer rund um Neuenkirch hatte mein Kopf viel Zeit, den Neuenkirch-Krimi mit Geschichten zu füllen. Ein Paar Handschuhe, die auf dem Rand eines Pools liegen. Ein Blitz, der die Dorfkirche trifft und das Geläut beschädigt. Ein Funkmast, den keiner will. Ein Jugendlicher, der heimlich das Auto seines Vaters nimmt und gegen die Mauer vom Landgasthof setzt. Zwei Kollegen, betrunken, die nachts mitten auf der Strasse liegen. Das legendäre Bürostuhl-Rennen, wild und gefährlich, wie es nur Dorffeste sein können. Und die vielen Waldwege, der Vitaparcours, der neue deutsche Supermarkt oder die Kleinbühne Kultur Neuenkirch. Alle Orte und Geschehnisse sind real – nur die Todesfälle entspringen der Fiktion. Während der Roman im Kopf schon lange fertig war, hat es noch etwas vom Kopf bis aufs Papier gebraucht.
Welche Bedeutung hat der Titel Ihres Werkes?
Zum einen ist es eine Anspielung auf die Stimmung am Sempachersee, wo der Nebel oft die Sicht nimmt und Dinge verbirgt, zum anderen steht er für die Unklarheit der Fälle: Es gibt viele Hinweise (die Spuren), aber die Wahrheit liegt lange Zeit im Verborgenen. Die Zahl Zwölf hat zudem eine strukturelle Bedeutung innerhalb des Rätsels Lösung.
Inwiefern ähnelt der Protagonist des Buches, Joel Tanner, Ihnen selbst?
Wir teilen das strukturierte und analytische Vorgehen, beobachten genau und schauen hinter die Dinge. Auch seine Suche nach Entschleunigung in der Natur spiegelt meine eigenen Gewohnheiten wider. Er ist jedoch eine eigenständige Figur mit einer ganz anderen beruflichen Belastung und Vergangenheit als ich.
In Ihrer Vita ist zu lesen, dass Sie Bonsai-Kunst betreiben und historische Füllfederhalter sammeln. Können Sie dies etwas näher erläutern? Existieren noch andere, spezielle Hobbys?
Mein grüner Daumen motivierte mich vor einigen Jahren zur Aufzucht von Bonsai-Bäumchen. Eine Form der Entschleunigung, zu der es Geduld, Präzision und den Respekt vor der Natur braucht. Das Sammeln historischer Füllfederhalter verbindet Technik mit Ästhetik; es ist das haptische Erlebnis des Schreibens, das mich begeistert. Neben diesen eher ruhigen Hobbys finde ich meinen Ausgleich beim Sport, etwa beim Stepptanz oder bei Berg-, Trail- und Stadtläufen, Strandläufen in Ostfriesland oder alpinen Wandertouren. Gelegentlich nehme ich die Gitarre in die Hand und plane nach der Pensionierung das Studium der Sportmedizin.
Ist ein weiterer Krimi in Neuenkirch geplant?
Ja, auf jeden Fall. Tatsächlich gibt es bereits erste Ideen, Joel Tanner erneut in der Region ermitteln zu lassen und an den aktuellen Neuenkirch-Krimi anzuknüpfen. Das Dorf und seine Umgebung bieten noch viel Stoff für spannende Geschichten. Es benötigt jedoch noch einiges an Laufkilometern.
